Veröffentlicht am März 12, 2024

Zusammenfassend:

  • Die Nutzerführung in Printmedien folgt denselben kognitiven Mustern (z.B. Z-Muster) wie auf Websites und lenkt die Aufmerksamkeit gezielt.
  • Die Wahl des Papiers (Psychohaptik) ist kein ästhetisches Detail, sondern ein entscheidender Faktor, der den wahrgenommenen Wert eines Produkts direkt beeinflusst.
  • Barrierefreiheit im Druck, insbesondere durch hohen Kontrast und lesbare Schriftgrössen (nach DIN 1450), ist kein Nischenthema, sondern ein Wettbewerbsvorteil.
  • Die Reduzierung von „Interaktionskosten“ – wie bei schwer zu öffnenden Verpackungen oder unübersichtlichen Formularen – ist genauso wichtig wie die Ladezeit einer Website.

Wenn Produktdesigner und Layouter an User Experience (UX) denken, springt der Gedanke meist sofort zu digitalen Oberflächen: Apps, Websites, Software. Man optimiert Klickpfade, Ladezeiten und die intuitive Bedienung auf einem Touchscreen. Doch ein Grossteil der Markeninteraktion findet in der physischen Welt statt. Von der Visitenkarte, die man in die Hand gedrückt bekommt, über den Produktkatalog, den man durchblättert, bis hin zur Verpackung, die man öffnet – all dies sind entscheidende Berührungspunkte, deren UX oft vernachlässigt wird. Die gängigen Ratschläge bleiben meist an der Oberfläche: ein ansprechendes Layout, eine „gute“ Papierqualität oder lesbare Schrift. Doch diese Empfehlungen kratzen nur an der Oberfläche dessen, was wirklich zählt.

Die wahre User Experience bei Printprodukten entsteht nicht durch reine Ästhetik, sondern durch die bewusste Anwendung kognitiver Ergonomie. Es geht darum, die Informationsverarbeitung des menschlichen Gehirns zu verstehen und gezielt zu lenken, anstatt nur eine schöne Hülle zu gestalten. Was, wenn der Schlüssel zu einem erfolgreichen Flyer nicht nur die Farbe ist, sondern das unbewusste Lesemuster, dem das Auge folgt? Was, wenn die Kaufentscheidung weniger vom aufgedruckten Preis abhängt, sondern vom Gefühl des Papiers zwischen den Fingern – einem Phänomen, das als Psychohaptik bekannt ist? Die Übertragung von UX-Prinzipien auf die analoge Welt ist keine Metapher, sondern eine handfeste Designdisziplin, die messbare Ergebnisse liefert.

Dieser Leitfaden geht über die Grundlagen hinaus und taucht tief in die Mechanismen ein, die ein physisches Produkt von einem einfachen Gegenstand in ein intuitives Werkzeug verwandeln. Wir werden analysieren, wie visuelle Muster die Aufmerksamkeit steuern, wie die Haptik von Materialien Wert kommuniziert und wie durchdachte Navigation die kognitive Last reduziert. Es ist an der Zeit, UX ganzheitlich zu betrachten und Erlebnisse zu schaffen, die über den Bildschirmrand hinaus wirken.

Um diese Prinzipien greifbar zu machen, beleuchtet dieser Artikel acht entscheidende Aspekte, von der Psychologie der Papierwahl bis zu den ergonomischen Standards für Werbemittel. Die folgende Übersicht führt Sie durch die Kernthemen, die Ihnen helfen, Ihre Printprodukte nutzerzentriert zu gestalten.

Warum das „Z-Muster“ auch auf Flyer-Seiten die Aufmerksamkeit lenkt

Das menschliche Auge scannt Informationen nicht zufällig, sondern folgt erlernten Mustern. Im westlichen Kulturkreis, wo von links nach rechts und von oben nach unten gelesen wird, haben sich zwei dominante Muster herauskristallisiert: das F-Muster und das Z-Muster. Während das F-Muster vor allem bei textlastigen Seiten (wie Blogartikeln oder Speisekarten) auftritt, bei denen der Nutzer gezielt nach Informationen sucht, ist das Z-Muster die unbewusste Scan-Bewegung bei weniger dichten, visuell geprägten Layouts wie Flyern oder Anzeigen.

Der Blickverlauf folgt dabei einer Z-Form: Er beginnt oben links (Startpunkt), bewegt sich horizontal nach rechts (erster Blickfang), gleitet diagonal nach unten links (Bewegungsachse) und endet nach einem letzten horizontalen Scan rechts unten (Endpunkt). Ein effektives Flyer-Design nutzt dieses angeborene Verhalten, um die wichtigsten Botschaften entlang dieses Pfades zu platzieren. Das Logo oder die Hauptüberschrift gehört an den Startpunkt, unterstützende Bilder oder Zwischenüberschriften entlang der horizontalen Achsen und der entscheidende Call-to-Action (CTA) – wie ein QR-Code oder eine Telefonnummer – an den Endpunkt.

Die Missachtung dieses Prinzips führt dazu, dass wichtige Informationen einfach übersehen werden. Ein CTA, der oben in der Mitte platziert ist, bricht das natürliche Lesemuster und erhöht die kognitive Last, was oft zum Abbruch der Interaktion führt. Die bewusste Anordnung von Elementen entlang des Z-Pfades ist daher kein rein ästhetischer, sondern ein fundamentaler ergonomischer Eingriff, der die Effektivität eines Printprodukts massiv steigert.

Indem Sie dieses Wissen anwenden, gestalten Sie nicht nur einen Flyer, sondern führen den Blick des Betrachters gezielt und mühelos zur gewünschten Handlung.

Wie die Papierwahl das Gefühl von Wertigkeit beeinflusst (Psychohaptik)

Berührung ist einer unserer ursprünglichsten Sinne. Lange bevor wir lesen können, erkunden wir die Welt mit unseren Händen. Dieses tief verankerte Verhalten prägt auch die Wahrnehmung von Marken und Produkten im Erwachsenenalter. Die Psychohaptik erforscht genau diesen Zusammenhang: wie sich die haptische Erfahrung – also das, was wir fühlen – auf unsere Emotionen, Bewertungen und Entscheidungen auswirkt. Bei Printprodukten ist das Papier der primäre Träger dieser haptischen Botschaft.

Ein schweres, gestrichenes Papier mit einer glatten oder samtigen Oberfläche (z.B. durch Soft-Touch-Veredelung) vermittelt unmittelbar ein Gefühl von Luxus, Qualität und Seriosität. Im Gegensatz dazu signalisiert dünnes, raues Recyclingpapier eher Umweltbewusstsein, Authentizität und Zugänglichkeit. Diese Signale werden unbewusst in Sekundenbruchteilen verarbeitet und beeinflussen den wahrgenommenen Wert des Inhalts. Eine Einladung zu einer exklusiven Gala auf dünnem Kopierpapier gedruckt, würde sofort an Glaubwürdigkeit verlieren, egal wie elegant das Design ist. Die Haptik widerspricht der Botschaft.

Die Kunst besteht darin, die haptischen Eigenschaften des Papiers gezielt auf die Markenbotschaft und die Erwartungen der Zielgruppe abzustimmen. Die Makroaufnahme unten visualisiert, wie unterschiedlich diese Oberflächen sein können.

Makroaufnahme verschiedener Papieroberflächen mit unterschiedlichen Texturen und Veredelungen

Wie die verschiedenen Texturen zeigen, ist die Auswahl des Materials eine strategische Entscheidung, die weit über die Optik hinausgeht und die Markenwahrnehmung direkt im emotionalen Zentrum des Nutzers verankert. Die folgende Tabelle gibt branchenspezifische Empfehlungen für den deutschen Markt.

Fallstudie: Nachhaltige Premium-Haptik bei Gasnetz Hamburg

Die Vertriebsmappe von Gasnetz Hamburg ist ein exzellentes Beispiel dafür, wie Umweltbewusstsein und Premium-Anmutung kombiniert werden können. Durch die Verwendung des Kartons ‚Freelife Kendo‘, der laut Angaben des Herstellers aus 5 % Hanffasern, 40 % Recyclingfasern und 55 % FSC-Zellstoffen besteht, wird eine lebendige Haptik und eine naturweisse Färbung erzielt. In Kombination mit einer auffälligen Blindprägung entsteht ein haptisches Erlebnis, das sowohl hohe Qualität als auch ökologische Verantwortung kommuniziert – eine perfekte Abstimmung von Material und Markenwerten.

Branchenspezifische Papierempfehlungen
Branche Empfohlenes Papier Veredelung
Automobil (BMW, Mercedes) 300g/m² Bilderdruck Soft-Touch-Veredelung
Bio-Lebensmittel (Demeter) 120g/m² ungestrichenes Recyclingpapier Sichtbare Fasern, naturweiss
Luxus-Produkte 350g/m² Circle Silk Premium White Seidige Haptik, Blindprägung

Die Investition in das richtige Papier ist somit keine Ausgabe für Ästhetik, sondern eine Investition in die glaubwürdige Kommunikation von Markenwerten.

Inhaltsverzeichnis oder Suchleiste: Wie Sie analoge Navigation intuitiv gestalten

In der digitalen Welt sind wir es gewohnt, mit Suchleisten und Menüs in Sekundenschnelle zu finden, was wir brauchen. Ein dicker Produktkatalog oder ein umfangreiches Handbuch stellt den Nutzer jedoch vor eine andere Herausforderung: Wie findet man schnell eine bestimmte Information, ohne frustriert aufzugeben? Die Lösung liegt in der Übertragung digitaler Navigationskonzepte in die analoge Welt, um die kognitive Last des Suchens zu minimieren.

Das klassische Inhaltsverzeichnis und der alphabetische Index sind die Basis. Doch für eine wirklich intuitive UX braucht es mehr. Fortschrittliche Techniken reduzieren den Suchaufwand drastisch:

  • Daumenregister: Bekannt aus Wörterbüchern, ermöglichen gestanzte Griffregister am Seitenrand den direkten Sprung in ein bestimmtes Kapitel, ohne blättern zu müssen.
  • Farbcodierte Seitenschnitte: Indem verschiedene Kapitel oder Sektionen am Buchschnitt farblich markiert werden, kann der Nutzer das Buch im geschlossenen Zustand visuell navigieren und gezielt öffnen.
  • Analoge Breadcrumb-Navigation: Eine Kopf- oder Fusszeile auf jeder Seite, die angibt „Sie befinden sich in: Kapitel 3 > Unterkapitel 3.2“, gibt dem Nutzer jederzeit Orientierung über seine Position im Gesamtwerk.

Die Effektivität solcher Leitsysteme ist beachtlich. Untersuchungen, wie sie im Main-Taunus-Kreis durchgeführt wurden, bestätigen, dass durch den Einsatz von Farbleitsystemen ein gesuchter Ort bis zu 5-mal schneller gefunden wird. Dieses Prinzip lässt sich direkt auf die Navigation in Printmedien übertragen. Ein gut durchdachtes analoges Navigationssystem verwandelt einen potenziell frustrierenden Informationsdschungel in ein benutzerfreundliches Werkzeug und beweist, dass gute UX keine Frage des Mediums, sondern der Methode ist.

Letztendlich entscheidet nicht die Menge der Informationen über den Wert eines Katalogs, sondern wie schnell der Nutzer die für ihn relevante Information findet.

Der Kontrast-Fehler bei kleiner Schrift, der Senioren als Kunden ausschliesst

Mit zunehmendem Alter lässt die Sehkraft nach, insbesondere die Fähigkeit, geringe Kontraste wahrzunehmen. Was für einen jungen Designer am Bildschirm noch gut lesbar erscheint – etwa eine hellgraue Schrift auf weissem Grund –, kann für einen Senior vollkommen unsichtbar sein. Dieser häufige Designfehler schliesst eine kaufkräftige und wachsende Zielgruppe systematisch aus. Es handelt sich hierbei nicht um eine Frage des Geschmacks, sondern um einen handfesten Verstoss gegen die Prinzipien der Barrierefreiheit und Inklusivität.

Für Printprodukte ist der Kontrast zwischen Schriftfarbe und Hintergrund das A und O der Lesbarkeit. Die sicherste Wahl ist immer 100% Schwarz auf reinweissem Papier. Doch auch andere Kombinationen können funktionieren, solange ein starker Helligkeitsunterschied gewährleistet ist. Kritisch wird es bei:

  • Pastelltönen: Zarte Farben mögen ästhetisch wirken, bieten aber fast nie genug Kontrast für eine ältere Zielgruppe.
  • Gelb auf Weiss: Diese Kombination ist für fast jedes Auge eine Zumutung und sollte unter allen Umständen vermieden werden.
  • Kombinationen von Komplementärfarben: Rote Schrift auf grünem Grund kann für Menschen mit Rot-Grün-Schwäche zu einem unlesbaren Flimmern führen.

In Deutschland gibt es ein professionelles Werkzeug, um diese Fehler zu vermeiden und Lesbarkeit zu garantieren. Die konsequente Anwendung dieser Norm ist kein Mehraufwand, sondern ein klares Qualitätsmerkmal und ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Professionelles Werkzeug: Die DIN 1450 „Schriften – Leserlichkeit“

Die deutsche Norm DIN 1450 ist das entscheidende Regelwerk für professionelle Typografie im Printbereich. Sie definiert nicht nur vage Empfehlungen, sondern klare, wissenschaftlich fundierte Standards für optimale Lesbarkeit. Dazu gehören Mindestschriftgrössen für verschiedene Leseabstände, empfohlene Kontrastverhältnisse (gemessen in Helligkeitsunterschieden) und optimale Zeilenabstände. Die Einhaltung der DIN 1450 stellt sicher, dass Texte nicht nur für junge Menschen, sondern für alle Altersgruppen und auch unter suboptimalen Lichtverhältnissen gut erfassbar sind. Sie ist das Fundament für barrierefreies Design im Print.

Ein Design, das eine ganze Bevölkerungsgruppe ignoriert, ist kein gutes Design – es ist schlichtweg unvollständig.

Wann Sie Formularfelder vergrössern müssen, um die Ausfüllquote zu erhöhen

Gedruckte Formulare sind alles andere als ein Relikt. Ob als Antwortkarte in einem Mailing, als Spendenformular oder als Teilnahme-Coupon – sie sind ein entscheidendes Instrument zur Datenerfassung. Wie der aktuelle Prospektmonitor 2025 zeigt, nutzen 37% der deutschen Konsumenten kuvertierte Werbebriefe wöchentlich, was eine Zunahme um 12% im Vergleich zum Vorjahr darstellt. Der Erfolg solcher Aktionen hängt jedoch massiv von der UX des Formulars ab. Zu kleine Felder sind einer der häufigsten Gründe für eine niedrige Ausfüllquote.

Die motorischen Fähigkeiten sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Insbesondere ältere Menschen oder Personen mit motorischen Einschränkungen haben Schwierigkeiten, präzise in winzige Kästchen zu schreiben. Ein Formularfeld sollte daher nie kleiner als 7 mm in der Höhe sein, um genügend Platz für eine leserliche Handschrift zu bieten. Dies gilt insbesondere für Felder, die längere Eingaben erfordern, wie E-Mail-Adressen oder Namen.

Doch die Grösse allein ist nicht alles. Eine gute Formular-UX im Printbereich berücksichtigt auch die Fehlerprävention. Die Strukturierung der Felder sollte der Logik der Quelldokumente folgen. Wenn beispielsweise Daten vom Personalausweis übertragen werden sollen, sollten die Formularfelder in derselben Reihenfolge und Anordnung erscheinen. Platzhaltertexte wie „TT.MM.JJJJ“ im Datumsfeld oder die Priorisierung von Checkboxen gegenüber Freitextfeldern reduzieren die Fehlerquote und die Interaktionskosten für den Nutzer. Ein gut gestaltetes Formular fühlt sich nicht wie eine Prüfung an, sondern wie ein geführtes Gespräch.

Checkliste: Fehlerprävention in Print-Formularen optimieren

  1. Platz für die Eingabe: Bieten Sie ausreichend Platz, indem Sie Platzhaltertexte wie ‚TT.MM.JJJJ‘ für Datumsfelder verwenden, um das Format vorzugeben und gleichzeitig die Feldgrösse zu verdeutlichen.
  2. Fehlerquelle reduzieren: Priorisieren Sie Checkboxen und Multiple-Choice-Optionen gegenüber Freitextfeldern, wo immer es möglich ist, um die Fehlerquote beim Ausfüllen und bei der späteren Datenerfassung zu senken.
  3. Kognitive Last senken: Ordnen Sie die Felder so an, dass sie der Struktur des Quelldokuments (z.B. Personalausweis, Bankkarte) entsprechen, um das mentale „Umsortieren“ von Informationen zu vermeiden.
  4. Rechtliche Klarheit schaffen: Gestalten Sie den DSGVO-Zustimmungsbereich mit klaren, einfach ankreuzbaren Checkboxen und verständlichen Kurztexten anstelle von langen, unübersichtlichen Textblöcken.
  5. Motorische Ergonomie beachten: Halten Sie eine Mindesthöhe von 7 mm für alle Felder ein, die für handschriftliche Eingaben vorgesehen sind, um auch Nutzern mit eingeschränkter Feinmotorik das Ausfüllen zu erleichtern.

Jedes zu kleine Feld ist eine Barriere, die einen potenziellen Kunden davon abhalten kann, den letzten, entscheidenden Schritt zu tun.

Warum 3 Sekunden Ladezeit Sie 40 % der Besucher kosten

Im Webdesign ist diese Regel bekannt: Eine Ladezeit von mehr als drei Sekunden führt dazu, dass rund 40% der Besucher eine Seite wieder verlassen. Dieses Konzept der „Ladezeit“ lässt sich direkt auf die physische Welt übertragen. Hier entspricht sie den Interaktionskosten – also dem Aufwand, den ein Nutzer betreiben muss, um zum eigentlichen Wert eines Produkts zu gelangen. Eine komplizierte, schwer zu öffnende Blisterverpackung ist das physische Äquivalent zu einer langsamen Website. Sie erzeugt Frustration und kann dazu führen, dass der Nutzer die Interaktion abbricht oder das Produkt negativ bewertet, noch bevor er es überhaupt verwendet hat.

Dieses Prinzip gilt für eine Vielzahl physischer Interaktionen. Ein Katalog, in dem die Preisliste auf der letzten Seite versteckt ist, hat eine hohe „Ladezeit“, um an eine Kerninformation zu gelangen. Ein Werbegeschenk, dessen Funktion nicht selbsterklärend ist, erfordert einen hohen kognitiven Aufwand. Die „Time-to-Value“, also die Zeit, die vom ersten Kontakt bis zum erlebten Nutzen vergeht, ist ein entscheidender UX-Faktor.

Die Illustration unten zeigt eindrücklich den Unterschied im emotionalen Erleben zwischen hohen und niedrigen Interaktionskosten beim Auspacken eines Produkts.

Vergleichende Darstellung verschiedener Verpackungsöffnungsmechanismen und deren Benutzerfreundlichkeit

Gute physische UX minimiert diese Reibungspunkte. Dies kann durch Perforationen zum leichten Öffnen, klare Anleitungen durch Piktogramme oder eine logische Informationsarchitektur in einem gedruckten Dokument geschehen. Das Ziel ist immer dasselbe: den Weg zum „Aha-Erlebnis“ so kurz und mühelos wie möglich zu gestalten.

Fallstudie: Physische ‚Ladezeit‘ bei deutschen Versandhändlern

Der Prospektmonitor 2025 liefert hierzu eine interessante Beobachtung: Ein Drittel der Konsumenten, die auf ein Print-Mailing reagieren, setzen den Call-to-Action (wie das Einlösen eines Gutscheins) sofort um. Die „Time-to-Value“ ist hier entscheidend. Ist der Gutscheincode schwer zu finden, die Verpackung des zugesandten Produkts kompliziert oder die Anleitung unverständlich, führt dies zu ähnlichen Abbruchquoten und Frustrationen wie lange digitale Ladezeiten. Der erste physische Kontaktpunkt muss den Nutzer nahtlos zum Nutzen führen.

Jede Sekunde, die ein Nutzer mit dem Kampf gegen die Verpackung verbringt, ist eine Sekunde, in der die Freude auf das Produkt schwindet.

Wie Sie mit Farbleitsystemen komplexe Kataloge intuitiv bedienbar machen

Je mehr Informationen ein Dokument enthält, desto höher ist die kognitive Last für den Nutzer, das Gesuchte zu finden. Komplexe Produktkataloge, Messeführer oder Geschäftsberichte können schnell überfordernd wirken. Eine der elegantesten Methoden, um Ordnung in dieses Chaos zu bringen, ist der Einsatz eines Farbleitsystems. Farben ermöglichen es dem Gehirn, Informationen zu gruppieren und zu kategorisieren – ein Prozess, der als „Chunking“ bezeichnet wird.

Anstatt hunderte Einzelseiten als eine grosse, unstrukturierte Masse wahrzunehmen, kann der Nutzer durch die Farbcodierung sofort erkennen, welche Seiten zu einer bestimmten Produktkategorie oder einem thematischen Abschnitt gehören. Dies beschleunigt nicht nur die visuelle Suche, sondern schafft auch ein mentales Modell der Dokumentenstruktur. Der Nutzer „lernt“ die Bedeutung der Farben (z.B. Blau = Technik, Grün = Outdoor) und kann sich fortan intuitiv orientieren.

Fallstudie: Das Farbleitsystem der Ruhr-Universität Bochum (RUB)

Ein wegweisendes Beispiel für die Wirksamkeit von Farbleitsystemen ist das der Ruhr-Universität Bochum. Bereits in den 1970er Jahren wurde ein System etabliert, um den riesigen Campus navigierbar zu machen. Wie die Dokumentation von Kunst und Bau NRW zeigt, wurden die Fakultäten vier Grundfarben zugeordnet: Gelb für Geisteswissenschaften, Rot für Medizin, Blau für Ingenieurwissenschaften und Grün für Naturwissenschaften. Dieses System, das sich konsequent durch die Beschilderung, Gebäude und sogar die U-Bahn-Station zieht, wurde zum Vorbild für viele deutsche Hochschulen und beweist, wie Farbcodierung die Orientierung in komplexen Strukturen drastisch vereinfacht.

Bei der Wahl der Farben müssen jedoch zwei Aspekte berücksichtigt werden: die kulturelle Farbpsychologie und die Barrierefreiheit. Eine Farbe kann in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Assoziationen hervorrufen. Zudem muss sichergestellt werden, dass das System auch für Menschen mit Farbsehschwächen (z.B. Rot-Grün-Schwäche) funktioniert. Die Kombination von Farben mit unterschiedlichen Helligkeitswerten ist hier entscheidend.

Farbpsychologie und Barrierefreiheit im deutschen Kontext
Farbe Bedeutung in Deutschland Barrierefreiheit
Blau Vertrauen, Seriosität Gut für Rot-Grün-Schwäche
Grün Natur, Nachhaltigkeit Kritisch bei Rot-Grün-Schwäche
Rot Aktion, Warnung Kritisch bei Rot-Grün-Schwäche
Gelb Optimismus, Energie Gut sichtbar für alle

Ein gutes Farbleitsystem ist wie eine unsichtbare Hand, die den Nutzer mühelos durch die Seiten führt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Kognitive Muster lenken: Nutzen Sie bewährte Lesemuster wie das Z-Muster, um die Aufmerksamkeit in visuellen Medien wie Flyern gezielt auf Ihre Kernbotschaften und den Call-to-Action zu lenken.
  • Haptik als Wertbotschaft: Verstehen Sie die Papierwahl (Psychohaptik) nicht als Kostenfaktor, sondern als strategisches Werkzeug, um Markenwerte wie Luxus, Nachhaltigkeit oder Seriosität nonverbal zu kommunizieren.
  • Barrierefreiheit ist Pflicht: Sorgen Sie durch hohen Kontrast und ausreichende Schriftgrössen (gemäss DIN 1450) dafür, dass Ihre Printprodukte für alle Altersgruppen, insbesondere Senioren, zugänglich und lesbar sind. Dies ist kein Nischenthema, sondern ein Gebot der Inklusivität und ein Wettbewerbsvorteil.

Welche ergonomischen Standards müssen Ihre Büromaterialien und Werbemittel erfüllen?

Die User Experience endet nicht beim Flyer oder Katalog. Jeder physische Gegenstand, der Ihr Logo trägt – vom Kugelschreiber über den USB-Stick bis zur Stofftasche –, ist ein Botschafter Ihrer Marke. Die ergonomische Qualität dieser Werbemittel hat einen direkten Einfluss darauf, wie Ihre Marke wahrgenommen wird. Ein billiger Kugelschreiber, der schlecht in der Hand liegt und kratzt, hinterlässt einen negativen Eindruck. Ein USB-Stick mit einer fummeligen Kappe, die man ständig verliert, erzeugt unterschwelligen Ärger. Gute Ergonomie ist hier gleichbedeutend mit Wertschätzung gegenüber dem Nutzer.

Bei der Gestaltung oder Auswahl von Werbemitteln sollten daher konkrete ergonomische Kriterien im Vordergrund stehen. Es geht darum, Produkte zu schaffen, die nicht nur gut aussehen, sondern auch gerne und problemlos genutzt werden.

  • Greifbarkeit: Hat der Gegenstand eine angenehme Grösse und Form? Bietet er genügend Grifffläche? Ist die Oberfläche rutschfest? Ein Kugelschreiber sollte beispielsweise einen Griffdurchmesser von 8-12 mm haben, um eine verkrampfte Handhaltung zu vermeiden.
  • Handhabung: Ist die Bedienung intuitiv? Lässt sich die Kappe eines Stifts leicht auf- und absetzen? Ist die Stofftasche auch bei Beladung noch bequem über der Schulter zu tragen (Henkellänge min. 60 cm)?
  • Materialqualität: Fühlt sich das Material wertig an? Ist es langlebig? Ein Notizbuch mit zu dünnem Papier (unter 80g/m²), bei dem die Tinte durchscheint, ist praktisch unbrauchbar.

Darüber hinaus spielt auch die ökologische Ergonomie eine immer grössere Rolle. Die Wahl nachhaltiger Materialien ist nicht nur ein Beitrag zum Umweltschutz, sondern auch ein starkes Signal an den Nutzer. In Deutschland sind Siegel wie der Blaue Engel wichtige Orientierungspunkte. Ein Factsheet von Umweltbundesamt und IPR zeigt, dass Produkte mit dem Blauen Engel aus 100% Altpapier bestehen, während FSC-Mix oft einen deutlich geringeren Recyclinganteil hat. Die Wahl des richtigen Materials ist somit auch eine ergonomische Entscheidung für die Umwelt.

Die Qualität Ihrer Marke spiegelt sich in jedem Detail wider. Die Einhaltung ergonomischer Standards bei Werbemitteln ist ein oft übersehener, aber wirkungsvoller Hebel.

Beginnen Sie noch heute damit, diese ergonomischen Prinzipien anzuwenden, um Printprodukte und Werbemittel zu schaffen, die nicht nur gut aussehen, sondern sich auch richtig anfühlen und intuitiv funktionieren.

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